Meinungsfreiheit und Hass im Netz: Ein Debattenbeitrag auf einem kleinen Fachblog für Online-Marketing bleibt monatelang wenig beachtet. Dann aber wird er aufgegriffen und geht’s los mit Hass für den Verfasser Gerald Hensel / PR-Stammtisch Hamburg im September 2017

Wie extrem Hass im Netz – mit dem ich mich schon einmal befasst habe – werden kann, schilderte Gerald Hensel beim Hamburger PR-Stammtisch im September 2017. Er ist nicht der erste und wird nicht der letzte sein, der davon betroffen ist.

Der Auftakt: ein Blogpost quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Im Jahr 2016 war Hensel Digital-Stratege bei der Webeagentur Scholz+Friends und betrieb unter dem Titel „Dawai Dawai“ ein privates Blog zum Thema Online Marketing. „Dawai Dawai“ – russisch für „vorwärts, vorwärts“ soll laut Hensel das Tempo im Online-Marketing widerspiegeln.

In seinem Blog hatte Hensel im August 2016 – weitgehend unter Ausschluss auch der Fachöffentlichkeit – einen Text veröffentlicht. In diesem regte er an, dass Werbetreibende stärker reflektieren sollten, auf welchen Seiten sie ihre Online-Werbung platzieren, um nur Websites zu unterstützen, die zum Markenkern passen. Gerald Hensels Beispiel: Wenn eine Marke Diversiät als Wert pflegt, passt ein Banner auf einer rechtsextremen Seite nicht zur Marke. Das Problem, das Hensel sah und sieht, ist, dass viele Marken Google überlassen, auf welchen Seiten ihre Banner erscheinen.

Dieses war seine private Meinung, die er als Fachdiskussionsbeitrag gepostet hat. Es war keineswegs Praxis bei Scholz+Friends, Kunden von Online-Marketing auf bestimmten Seiten abzuraten. Der Post war gedacht als Denkanstoss für Markenverantwortliche, dass die geschaltete Online-Werbung zur Botschaft ihrer Marken passen müsse.

Die „Achse des Guten“

Im Dezember desselben Jahres griff Henryk M. Broders Seite „Die Achse des Guten“ den Beitrag auf. Innerhalb weniger Stunden schossen die Zugriffszahlen durch die Decke.

Was die Lage komplizierter machte, war, das Scholz+Friends gleichzeitig um einen Etat der Bundesregierung gegen Intoleranz gepitcht hat, wovon Gerald Hensel nach eigener Aussage nichts wusste.

Die „Achse des Guten“ versteht sich selbst nicht als „rechts“. Aber sich an dem Namen „Dawai Dawai“ von Hensels Blog störte sie sich dann aber doch sehr und Hensels Text verstanden sie als Boykottaufruf, auf den Henryk M. Broder den Text „Der Denunziant von Scholz+Friends“ veröffentlichte. Daraufhin kamen massenhaft Reaktionen der Leserschaft der „Achse des Guten“ auf Hensels Artikel. Geballter Hass aus dem Netz.

Diese Hassbotschaften umfassten laut Hensel 500 – 1000 Tweets, 50 Morddrohungen und Boykottaufrufe. Die sachlicheren Vorwürfe lauteten, Hensel nutze seine Position aus, um die „alternative Presse“ wirtschaftlich zu zerstören. Die weniger sachlichen behaupteten, er sei ohnehin verdächtig, weil sein Arbeitgeber für die Bundesregierung arbeite, er sei Stalinist und Reptiloid. Zudem wurde laut Hensel von den Freunden der „Achse des Guten“ mit Fake Accounts und gefälschten Fotos gearbeitet.

Dazu kamen Morddrohungen – wobei das Alltagsverständnis und polizeiliche Verständnis darüber, was eine Morddrohung ist, durchaus auseinanderfallen. „Wir kriegen dich“ ist beispielsweise keine Morddrohung im polizeilichen Sinne. Diese Aussage kam Hensel aber ausreichend bedrohlich vor. Da seine Adresse in einem Neo-Nazi-Forum gepostet worden war, hätten er und seine Familie jederzeit von Straftätern aufgesucht werden können. So suchte Hensel Polizeischutz. Sein damaliger Arbeitgeber Scholz+Friends war da schon mit dem Staatsschutz in Kontakt; Hensel erhielt aber noch keinen Schutz.

Abgesehen von der Tatsache, dass die reine Masse an E-Mails, Tweets und gefälschten Fotos psychisch belastend war, führte sie auch zum Zusammenbruch von Hensels elektronischen Kommunikation.

Durch den Hass im Netz von der digitalen Außenwelt abgeschnitten

Neben den Hass im Netz ist es ein Nebeneffekt, dass die tatsächlichen Botschaften in der Flut des Hasses aus dem Netz nicht mehr gelesen werden können. Dies ist ja durchaus von den Verfassern beabsichtigt. Sie fluten die Kommunikationskanäle des Betroffenen, sodass alle anderen Nachrichten vom Hassgeschrei aus dem Netz übertönt werden.

Daher ist es von außen auch kaum möglich, den Betroffenen Unterstützung anzubieten, denn die Botschaften dringen nicht mehr zu ihnen durch. Betroffene müssen sich daher selbst Hilfe suchen, die es aber noch kaum gibt. Weder in ausreichendem Maße bei der Polizei – so Hensels Erfahrung – noch bei der Zivilgesellschaft. Dass der Bedarf dafür da ist, daran kann es eigentlich keinen Zweifel geben.

Die Schlüsse, die Hensel aus diesem Hass aus dem Netz gezogen hat, ist, dass das Wissen um digitale Kommunikation in Polizei und Politik oftmals erschütternd gering ist. Denn ein Ergebnis seiner Erfahrung war, dass er als Referent zum Thema eingeladen wurde.

Neue Anlaufstelle für Opfer von Hass im Netz

Um eine Anlaufstellen für Opfer von Hass im Netz zu schaffen, hat Hensel mit anderen den Verein Fearless Democracy und die Intitiative Hate Aid gegründet.

Traurig, dass so ein Verein nötig ist, denn unterschiedliche Meinungen und Standpunkte sind nötig und Debatten – auch hitzig – sind das, was eine Zivilgesellschaft ausmacht. Allerdings sollte es um die Sache und fair zugehen. Dass fake Accounts und gefälschte Bilder zu keine Debatte um die Sache gehören, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Ebenso dass man auch politische Gegner respektiert, aber sie in ihren privaten und beruflichen Lebensbereich nicht schädigt.

Die ganzen Kampagne, die über zwei Wochen ihren Höhepunkt erlebte und die für Hensel durchaus spürbare Folgen in seinem Privat- und Berufsleben hinterließen, verebbte mit dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016.

Dies war nur ein Beispiel dafür, was einem passieren kann, wenn man im Netz seine Meinung publiziert. Die Frage, wie mit Hass um Netz umzugehen sei, wird uns sicher noch lange begleiten.

Hass im Netz (2) – das Beispiel Gerald Hensel

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