Judith Hermann hat am 8. Juni 2016 im Literaturhaus Hamburg ihren neuen Erzählungsband „Lettipark“ vorgestellt, der nur zwei Jahre nach ihrem ersten Roman „Aller Liebe Anfang“ erschienen ist. „Nur“, weil Judith Hermanns Bücher sonst in einem Fünf-Jahres-Rhythmus erschienen sind.

Neben den drei neuen Erzählungen, die sie gelesen hat – „Brief“, „Zeugen“ und „Solaris“ – war das interessante des Abends das Autorengespräch, das die Kulturjournalistin Heide Soltau mit Judith Hermann geführt hat. Heide Soltau brachte Judith Hermann dazu, von ihrer Schreibpraxis zu berichten.

Zuerst findet Judith Hermann einen Titel; das Schreiben geht dann recht schnell, weil sie schon länger mit den Geschichten schwanger gegangen ist.

Die Erzählung als offene Textform

Judith Hermanns Geschichten werden oft als „minimalistisch“ gekennzeichnet und das bestätigte sie insofern, als das sie ihre Geschichten mit einem Kartenhaus verglich – fragil und mit wenig Material hochgebaut. Nach einem ersten Entwurf geht sie daran, Elemente aus der Konstruktion zu entfernen, bis die Konstruktion nicht mehr reduzieren lässt.  So entstehen die berühmten Leerstellen, die Judith Hermanns Lesern Platz für Phantasie lassen. Sie sind so groß, dass Judith Hermann bei bestimmten Stellen selbst nicht weiß, was darin passiert. Bei anderen hingegen, so sagte sie, weiß sie es zwar, sagt es aber nicht. Damit wird die Erzählung noch offener, wenngleich Hermann eine Erzählung per se für einen „offenen“ Text hält.

Interessant fand ich auch, was Hermann über den Rhythmus ihrer Texte sagte: Sie arbeitet mit Wiederholungen, um Rhythmus und eine bestimmte Musikalität zu erzeugen. Dafür liest sie sich ihre Texte im Schreibprozess immer wieder laut vor. Das kommt nicht nur dem geschrieben Text zugute, sondern auch den Lesungen.

Judith Hermanns Stimme: wie eine Welle, die an den Strand leckt

Wenn Judith Hermann ihre Erzählungen mit ihrer ruhigen, recht tiefen Stimme in genau dem richtigen Tempo liest und dabei einzelne Worte ganz langsam auslaufen lässt wie eine Welle, die an den Strand leckt, dann ist es einfach ein Genuss, ihr zuzuhören und der Minimalismus der Erzählungen kommt so ganz besonders zu Geltung. Daher empfiehlt es sich, Judith Hermanns Texte nicht nur zu lesen, sondern auch zu hören.

Lesung von Judith Hermann im Literaturhaus Hamburg
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